Wie gesagt, es ist eine Sache der Perspektive.
Als ich meine Schwester (die seit nunmehr 8 Jahren in Australien lebt) per SMS während ihres Weihnachtsurlaubs hier eine SMS schickte, dass ich mich um 15 Minuten verspäten würde, weil ich einen Bus verpasst habe, sagte sie mir später, dass sie breit grinsen musste, weil es so "typisch deutsch" wäre: Eine Viertelstunde wäre ja nun wirklich keine Zeit, daran hätte sie sich "zu Hause" schon längst dran gewöhnt, dass immer mal irgend eine Kleinigkeit dazwischenkommen kann. Ihr wäre es auch lieber, dass die Leute sich nicht auf den letzten Drücker abhetzen müssten und dann möglicherweise total verschwitzt ankommen, sondern dann besser einen Bus später nehmen und dementsprechend entspannt ankommen würden.
Dieser positive Effekt des entspannter Seins ist dann aber ja sofort für die Katz, sobald man sich Vorwürfe macht, zu spät dran zu sein.
Ihre, nun ausländische, Perspektive zeigt mir immer wieder mal auf, was sehr "deutsch" ist, weil sie den Vergleich ja hat. Und, ja, natürlich vermisst sie zuhause Brot und Brezeln, Holzspielzeug und Fischbrötchen.
Das bezeichnet sie aber nicht als "typisch deutsch". Es sind andere Dinge, die sie als "typisch deutsch" identifiziert: Die Pünktlichkeit, die Gepflogenheiten, im Laden immer anstandslos genau das zu bezahlen, was auf dem Preisetikett steht (und nicht etwa wegen z.B. eines Fadens an der Hose anfangen zu handeln), die angenehme Beobachtung, dass hierzulande die Autos an einem Zebrastreifen auch wirklich anhalten.
Ich persönlich nehme auch eine Art der Bescheidenheit als "typisch deutsch" wahr: Die Phrase "Eigenlob stinkt" scheint sich in die Hirne eingegraben zu haben wie nur wenige sonst; allerorten wird nur selten auf die Kacke gehauen. Stolz ist man auf seine Kinder, die getane Arbeit vielleicht noch, aber auf sich selbst? - Wenn jemand selbstbewusst seine Erfolge erwähnt, wird er gleich für einen Aufschneider gehalten, Prahlen scheint verhasster als Tiefstapeln.
Ich weiß nicht, ob daran wirklich auch objektiv etwas dran ist. Mein persönlicher Eindruck aber ist bei meinen wenigen Aufenthalten im Ausland im Leben, dass woanders die Menschen mit dem Stolz auf das, was sie erreicht haben oder gerade tun, wesentlich unbefangener umgehen.