Dieser Sozialbetrug ist wahrscheinlich einer der Gründe (neben den "ich-hab-kein-Bock-zu-arbeiten" Beziehern), weshalb es wenig Akzeptanz für höhere ALG II- und Sozialhilfe-Sätze unter den Steuerzahlern gibt. Gäbe es die Gewissheit, dass man nur Bedürftigen hilft, wäre die Bereitschaft zu teilen vermutlich höher.
Ich denke, dass die Akzeptanz deswegen fehlt, weil es "die anderen" sind und man deswegen gerne auf die Schmarotzer sieht und letztlich gerne den ganzen Haufen ehrlicher ALGII-Empfänger übersieht.
Denn, mal ehrlich: Jeder Arbeitende wird in der Firma, in der er/sie arbeitet, mindestens eine Person kennen, die durch eine gemächliche bis schlimme Arbeitsmoral "glänzt".
Auch über diese regt man sich dann, völlig zu Recht, auf. Aber da käme doch garantiert niemand auf die Idee, die eigene Branche an den Pranger zu stellen! "Schlimm" sind immer nur die andern.
Hinzu kommt, dass die eigenen Unregelmäßigkeiten gerne bagatellisiert werden, während man ähnliche Vergehen Arbeitslosen nicht zugesteht, weil jene ja nichts leisten würden. Anders gesagt: Man selbst fühlt sich im Recht weil man ja etwas leistet, ja, sehr viel mehr leistet als der Staat es anerkennt, also hole man sich ja nur das zurück, was einem zustünde.
Ich bin mir recht sicher, dass mindestens jeder zweite Steuerbetrüger es auf diese Weise für sich begründet.

Diese pauschale Abwertungstendenz wird, wie du vorher schon erwähnt hattest, sicherlich auch durch niveaulose Infotainmentsendungen im Fernsehen verstärkt. Zusätzlich versuchen die Behörden sich vor einem neuen Betrugsskandal durch immer neue bürokratische Absicherungs- und Überwachungsmethoden zu schützen. Am Ende ist der/die moralisch und rechtlich legitime Empfänger von Transferleistungen zahlreichen sozialen und rechtlichen Repressalien ausgesetzt.
Das ergibt sich dann daraus: Durch gezielte Abwertung der lobbyarmen Arbeitslosen seitens der Medien entsteht ein Druck auf die Behörden, so repressiv wie möglich zu handeln, da die Berichterstattung auch sie selbst trifft. Es heißt dann ja nicht nur "Herr B., 10 Jahre HartzIV-Empfänger, fährt Porsche, wohnt in einem Traumhaus und bescheißt den Staat", sondern auch "Jahrelang hat das jobcenter weggesehen und Herrn B. Geld in den Hintern geblasen".
Nur wie kann man diese Entwicklung stoppen?
Eine wichtige Entwicklung gibt es ja bereits: Die Tendenz zu Mindestlöhnen flächendeckend.
Sollten diese hoch genug liegen und es dadurch keine Aufstocker mehr geben, dann sinkt die Anzahl von HartzIV-Sozialschmarotzern. Logisch eigentlich, denn es gibt dann ja von heute auf morgen auf einmal Menschen in sechsstelliger Höhe, die plötzlich angemessen entlohnt werden und nicht mehr die Demütigung, trotz Arbeit zum Amt rennen zu müssen, erleiden müssen. Weniger HartzIV-Empfänger gleich weniger Sozialschmarotzer. Logisch eigentlich.

Eine zweite wäre, nicht nach einem Bestrafungs-, sondern nach einem Belohnungssystem zu arbeiten.
Diverse Krankenkassen tun es ja bereits: Wenn man soundsolange nicht krank war, gibt's eine Teilrückzahlung von Beiträgen.
Natürlich hat auch das seine Tücken, da sich Niedriglöhner dann lieber nicht krank melden oder Medikamente offiziell verschreiben lassen um an die "Prämie" zu kommen. Aber überlege man mal, wenn sie analog zu jobcentern handeln würden: Wenn jemand öfters krank ist erhöben sie Strafzahlungen fürs Kranksein. Kranke würden pauschal des Sozialschmarotzertums bezichtigt werden, es gäbe ja schließlich soundsoviele Simulanten die gar nicht krank sind und so ...

Derzeit läuft das System da genau umgekehrt: Bewerbungstrainingkurse gibt's für die Leute die sich nicht bewerben (also faul sind) und nicht etwa für jene die es tun, aber ständig abgelehnt werden. Der Faulpelz wird damit belohnt!
Oder die von Vater Staat so vielgelobten 1€-Jobs: Wenn es tatsächlich so wäre dass massenhaft Leute in den ersten Arbeitsmarkt kämen, dann müsste man ja eigentlich den fleißigen Bewerbungsschreibenden diese geben. So ist's aber nicht, sie werden, gerne auch mal als Zwangsmaßnahme, den "schlechten Kunden", jene die keinen Finger krümmen, zugeschanzt!
Auch hier wird also der Faule belohnt.
Stichwort Fortbildung: Bildungsgutscheine, egal welcher Art, gibt's erst, wenn man mindestens 1 Jahr arbeitslos war. Das bedeutet: Jemand der erfolgreich ein Jahr lang alle Einstellungen zu verhindern wusste, der erhält eine Chance auf Fortbildung. Jener, der sofort wieder in den Arbeitsmarkt per Weiterqualifizierung einsteigen möchte - nicht.
Erneut wird der Faulpelz belohnt.
Leute werden gezwungen umzusiedeln, wenn ihre Wohnung zu teuer ist, sie müssen in eine günstigere ziehen, sonst werden Gelder gekürzt.
Umgekehrt aber, wenn jemand aus freien Stücken von einer günstigen Wohnung in eine noch günstigere zieht, was gibt's da? Nix! Die Miete wird bezahlt, also die entsprechend kleinere. Der ALGII-Empfänger hat von einem, den Staat sparenden, Umzug rein überhaupt nichts, er erhält schließlich exakt denselben Betrag wie vorher zum Leben.
Das ist nur ein winziger Ausschnitt desssen, wie dieses System funktioniert: Die Kooperativen werden bestraft, die Faulen belohnt. Die Ehrlichen (etwa jene die aus freien Stücken ihre finanziellen Verhältnisse offenlegen) haben mit Repressalien zu rechnen (wenn z.B. das Amt prompt in irgend einem Kontoauszug etwas entdeckt was es als "unbotmäßig" einstuft, etwa eine Überweisung eines Betrages von Verwandten zum Geburtstag, etc.). Jene die da die Klappe halten oder eben alles bar abwickeln damit das Amt davon nichts zu sehen bekommt, werden ... wieder einmal für dieses Verhalten belohnt. Schließlich bekommen sie so eben erst gar nicht irgendwelchen Stress vom Amt.
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Wie sich das ändern lässt? - Na, ganz einfach! Nicht auf das Pferd "Bestrafung", sondern auf jenes namens "Belohnung" setzen.
Eben jenen, die sich fleißig bewerben, Fortbildungen finanzieren - und nicht etwa jenen, die es nicht tun.
Jenen, die kooperieren, unter die Arme greifen, anstatt jenen die es nicht tun mit Strafen zu drohen. Ein "die helfen mir, die kümmern sich" ist jedenfalls ein klares Argument das Sozialbetrug vermindert, während ein "die wollen es mir ja eh nur reindrücken" ihn fördert.
Ein zweiter Schritt wäre natürlich auch, mal das Personal in der Behörde aufzustocken, damit auch mal mehr Zeit für Akquise für die Arbeitsberater da ist und diese dann auch mal den Leuten Stellen anbieten können die dann wirklich doch mal halbwegs passen könnten. Denn dann wird's mit den Ausreden, warum man sich dort und dort und dort nun nicht beworben hätte nämlich auch ein bisschen schwieriger.
