Es ist ja interessant zu sehen, wie viele Klischees hier bedient werden.

Solange Mensch nicht tot in der Ecke liegt entwickelt er sich immer, stetig und permanent weiter.
Alles ist gleichermaßen prägend, oder sollte es zumindest sein.
Egal ob ich den Tod eines mir nahe stehenden Wesens verkraften muss, eine superschwere Aufgabe gewuppt bekommen habe oder einfach mal einen Monat lang gar keine Ereignisse eintreten.
Interessant ist nur, in welche Richtung es den Menschen führt.
Zu den einzelnen angesprochenen Themen:
TodViele Menschen haben das Problem, nicht loslassen zu können. Es mag ja gesellschaftlich hoch angesehen sein, dass man jeden Sonntag auf dem Friedhof zubringt um das Grab eines für einen selbst bedeutungsvollen Wesens zu pflegen.
Das Wesen ist im Allgemeinen allerdings schon verwest, sozusagen gewesen. Diese Grabpflege nützt also in erster Linie dem Durchführenden nur als Beschäftigung.
Es ist richtig, dass die Erinnerung in einem weiter lebt. Wenn diese Erinnerung allerdings immer präsent ist, ist das ein typischer Fall von 'nicht loslassen können'. Es lebt also nicht die Erinnerung an den Menschen weiter, sondern die Vorstellung dieses Menschen.
Das kann insofern krankhafte Züge annehmen, wenn versucht wird, einen passenden(!) Ersatz für den Verlorenen zu finden.
Sich mit dem Tod 'abzufinden' soll im Allgemeinen helfen, die Vorstellung der Person in eine Erinnerung an diese Person zu wandeln.
Die Frage ist natürlich nach wie vor, wie der Einzelne jetzt alles für sich definiert.
KrisenWunderbar zu sehen ist auch, wie Krisen bewertet werden.
'Der Tod eines geliebten Menschen wiegt schwerer als eine verhauene Prüfung', lese ich zwischen messies Zeilen.
Ja, ist das denn wirklich so? Ich behaupte: nein.
Tod, Leid, Elend, Katastrophen... all diese Dinge zu regeln liegt nicht in der Macht des Menschen.
Neben der Trauer des Verlustes bricht das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit über den Menschen herein.
So eine verhauene Prüfung hingegen ist steuerbar. Hätte man mehr gelernt, bei der Aufgabe nachgefragt, sich nicht beim Spicken erwischen lassen...
Hier herrscht dann in erster Linie die Wut über die eigene Unfähigkeit vor, ein gestecktes Ziel nicht erreicht zu haben. Versagt zu haben. Gern einhergehend mit unsäglich dämlichen Zukunftsszenarien, was jetzt alles dadurch versaut ist.
Der Tod eines Menschen berührt hauptsächlich die Gefühle, die verkackte Prüfung berührt das Bewusstsein.
Beides wirkt unterschiedlich, beides fühlt sich unterschiedlich an. Die Vermutung, eines wöge schwerer als das Andere, ist ein Vergleich der berühmten Adamsäpfel und Evas Birnen.
Und nun noch das von messie angesprochene Beispiel Liebeskummer. In dem Punkt geht es uns beiden wohl sehr ähnlich.

Hier prallen dann zwei komplett unterschiedliche Welten aufeinander.
Man steht, aus welchen Gründen auch immer, allein da. Was gestern noch mit einem war ist plötzlich weg.
Die Gefühle sind dieselben wie beim Tod eines Menschen: Verlust, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Alleinsein.
Dummerweise kann man aber sehr wohl etwas dafür, schließlich hat man im Allgemeinen eine Teilschuld.
Partner(in) weg, Zukunftsplanung hinfällig, ggf. gravierende Änderungen im bisherigen Leben = versagt.
Bei Personen wie mir, die unbeeinflussbare Dinge relativ gut verarbeiten können und auch gegen persönliche Niederlagen einigermaßen gefeit sind, ist so etwas der 'personal holocaust'. Gefühle wiegen bei mir eh immer schwerer als Gedanken, beide zusammen als Last zu haben ist nicht auszuhalten.
Und egal, womit ich mich
ablenken will: eins von beiden wird wieder bedient.
Ich stürz mich blindlings in neue Arbeitsfelder, unwillens einzusehen, dass es mir gerade nicht so gut geht.
Das Ganze überfordert mich etwas, ich steige nicht schnell genug durch = versagt. Genau wie beim Liebeskummergezeugs.
Ich sage mir 'Neues Spiel, neues Glück' und 'jedes Ende ist ein neuer Anfang' und baue meine sozialen Kontakte aus.
Unvermeidlich wird durch irgend etwas wieder ein Trigger ausgelöst.
"Boah, ist die Frau großartig!" wird zu "Wie deine Ex..." wird zu Verlust, Alleinsein, Trauer.
Aus einer kleinen Meinungsverschiedenheit wird plötzlich ein Streit mit einer möglicherweise gekränkten Gegenpartei und das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit ist da. "So war das doch gar nicht gemeint. Ach fuck..."
Egal was man tut, man wird immer wieder daran erinnert. Deshalb dauert die Verarbeitung dessen bei mir auch ne gefühlte Ewigkeit.
Aussitzen"Wenn dir jemand erzählt, die Zeit heilt alle Wunden, brich ihm das Nasenbein. Dann erklär ihm, es sei nicht so schlimm, wird ja bald wieder besser."
Die Seele ist kein Knochen, keine Haut, kein Muskel, keine Sehne, kein Organ.
Man kann die Haut abdecken, um sie vor weiteren Schäden zu bewahren und ihre Selbstheilung zu unterstützen.
Man kann einen gebrochenen Knochen schienen, um ihn vor weiteren Schäden zu bewahren und die Selbstheilung zu unterstützen.
Doch weder kann man die Seele irgendwie vor weiteren Schäden bewahren, noch wird sie ohne Zutun irgendwas machen.
Alles, was eine psychische Krise in uns auslöst, hängt seit Jahrzehnten tief in unserem Inneren verwurzelt. Diese Verwurzelung wird immer tiefer, je weniger man sich darum bemüht sich umzugewöhnen. Schlimmer noch, je mehr wir uns vor den Ursachen dieser Krisen schützen, umso schlimmer wird uns die nächste treffen.
Am Hilfreichsten ist es herauszufinden, welche Ursachen den eigenen Reaktionen zu Grunde liegen und diese gezielt anzugehen.
Das wird dann zu einer Lebensaufgabe mutieren.
Andererseits: wir duschen regelmäßig, essen und trinken regelmäßig, der PKW (sofern vorhanden) geht regelmäßig zur Durchsicht, die Wohnung wird regelmäßig geputzt, selbst der blöde PC bekommt regelmäßig Updates...
Wie kommen wir also darauf, dass wir uns um die Seele nicht weiter zu kümmern brauchen?
Wie angehen?Das muss jeder für sich selbst herausfinden.
Es war Albert Einstein, der feststellte: "Ein Problem kann nicht durch die gleiche Art des Denkens gelöst werden, durch die es entstanden ist".
Insofern ist es eventuell hilfreich, genau das Gegenteil der Aktion zu tun, die man sonst in dieser Situation macht.
Also statt vor sich allein zu heulen den besten Freund/die beste Freundin anrufen und sie vollheulen.
Oder vice versa statt jedem mit dem eigenen Leid in den Ohren zu liegen den Fall erst mal mit sich selbst klären.
Ich habe mir angewöhnt einfach Verschiedenes zu probieren. Schlimmer kann es schließlich nicht werden.
Auch ich hatte mir gesagt es könne natürlich schlimmer werden. Ich habe Szenarien konstruiert, die gefühlt das Schlimmste waren, in das ich mich hätte hineinmanövrieren können. Das habe ich auch erfolgreich geschafft. Es fühlte sich trotzdem nicht schlimmer an.
Das Leben der AnderenAuch ein typischer Fall. "Der hat alles verloren, ich hab nur..." oder "Sein Riese ist dreizehn Meter hoch, meiner nur zwei!"
Das kann durchaus hilfreich sein, wenn das Problem plötzlich nur ganz klein ist.
"Das bekomme ich doch locker in den Griff. Auffi!"
Meistens ist es das nicht.
"Scheiß doch drauf, warum lass ich mich von so nem Kleinkram runterziehen?"
"Oh, der Arme... Ich helf dem mal, der hat das wirklich bitternötig."
Die Unterstützung durch AndereTrost ist meiner Meinung nach wie ein Orden, den man sich an die Brust hängt. Nett anzuschauen, aber wirklich nicht hilfreich.
Nur mit Trost komme ich nicht weiter. Es ist aber ein wunderbarer Opener für das folgende Gespräch.
Denn nur das holt einen ein wenig aus seinem Loch und zurück in die Realität. Es fordert den Geist, ist Balsam für die Seele und als wäre das alles nicht schon genug gibt es auch noch Gratislektionen.
Irgendwie scheint so etwas die Menschen zu triggern etwas mehr von ihrem Gefühlsleben preis zu geben. Vielleicht auch von kürzlich überstandenen ähnlichen Situationen.
Und es kann verdammt hilfreich sein, mal eine andere Sichtweise auf sein Problem präsentiert zu bekommen.