Warum nimmst Du an, dass das Leben in der Wildnis artgerechter sei? Warum sollten große Sippen artgerechter sein als kleine Einheiten etc.?
Ich habe doch nirgends behauptet, dass irgend etwas früher besser bzw. artgerechter war - wie auch immer man dieses "früher" definieren mag, ob 200 oder 200.000 oder 2 Millionen Jahre in der Vergangenheit. Ich habe nur meine Gedanken zum Thema formuliert, weil es mich interessiert, wie der Mensch sich selbst und seine Stellung innerhalb der Natur wahrnimmt. Ich erhebe keinen auf Vollständigkeit, Objektivität oder Wahrheit.
Es war meine Frage, ob die Entwicklung des Menschen artgerecht sei. Das ist ein biologischer Begriff, wenn auch sehr belegt mit moralisch-ethischen Fragen bzgl. Tierhaltung, so dass die Frage danach wahrscheinlich immer sofort impliziert, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wobei ich in diesem Fall allerdings durchaus finde, dass einiges in der Entwicklung der Menschen in die falsche Richtung läuft, gerade in Bezug auf Arbeit/Selbstbestimmung und Umweltzerstörung. Ich frage mich auch, ob diese Entwicklung noch "natürlich" ist, also schiere Evolution, oder eben aufgrund der (angenommenen oder tatsächlichen) Sonderstellung des Menschen "unnatürlich", sprich ob die Evolution des Menschen anders verläuft als bei den anderen Tieren.
Früher war der Sommer die Zeit der Arbeit, der Winter die Zeit des Ausruhens - Aufstehen und Schlafengehen richteten sich nach der Sonne. Heute hat man diese Rhythmen fast gänzlich den Regeln der Ökonomie untergeordnet, Jahreszeiten und Wetter haben nur noch wenig Bedeutung und stören sogar oftmals.
Ich sehe keinen Vorteil darin, mir den Arbeitsrhythmus vom Wetter oder der Jahreszeit anstatt vom Chef vorgeben zu lassen. Wieso ist das eine besser als das andere?
Was davon besser ist, kann ich auch nicht sagen, aber der Mensch ist immer noch ein Teil der Natur, die nun mal in bestimmten Rhythmen oder Zyklen abläuft. Ich selber finde es sinnvoller und sowohl psychisch als auch physisch leichter, den natürlichen Rhythmen wie Sonnenauf-/untergang etc. zu folgen. Allerdings gibt es theoretisch ja auch noch eine dritte Wahl außer Chef und äußerer Natur, nämlich den eigenen inneren Tagesrhythmen bzw. Leistungszyklen zu folgen. Viele Arbeitnehmer empfinden es körperlich als belastend, dass ihre Arbeitszeit oftmals entgegen der eigenen "inneren Uhr" läuft. Z. B. ist Schichtarbeit körperlich ungesünder, als wenn man als Selbstständiger seinen eigenen Rhythmus finden kann.
Zudem sollte man auch die negativen
psychischen Folgen des fremdbestimmten Tagesablaufs nicht vergessen. Viele Menschen leben ihr "wahres" Leben erst nach Feierabend, und das ist verdammt wenig Zeit dafür.
Mein persönliches Fazit ist, dass gerade die Regelung der Arbeit, die einen riesigen Anteil an der Lebenszeit des Menschen verbraucht, schlecht bzw. unzureichend ist. Bitte nicht falsch verstehen: Ich will nicht die gesamte Arbeitswelt umbauen, so dass jeder arbeitet, wann und wie er will etc., das ist natürlich utopisch, aber in vielen Firmen gibt es ja schon lange aus genau diesen Gründen Gleitzeit. (Hattest du ja selbst schon angedeutet.) Trotzdem sollte man bestimmte Entwicklungen einfach immer wieder kritisch hinterfragen.
Die Menschen, denen wir die Führung anvertraut haben, sind offensichtlich mit der Größe und Unüberschaubarkeit dieser Aufgabe überfordert. Die Organisation der viel zu großen Gesellschaft richtet sich nach Größen, die dem Individuum fremd und unpersönlich erscheinen. Die Bereitschaft Verantwortung für die Gemeinschaft zu tragen nimmt ab.
Natürlich ist die Gesellschaft heute größer und komplexer als früher - aber die Unpersönlichkeit hat auch sehr viele Vorteile! Z.B. wird nicht einer charismatischen Führungspersönlichkeit Folge geleistet, sondern Gesetzen, während die Personen, die diese verkörpern, austauschbar sind. Ich finde das grundsätzlich besser.
Zu jeder Zeit - also zu jedem "früher" - gab es Regeln und Gesetze, ob schriftlich oder ungeschrieben. Früher hatte deren Nichtbefolgung allerdings oft noch schlimmere Folgen für den Gesetzesbrecher (Tod, Verbannung,..) Je größer die Gruppe wird, die ein Führer zu leiten hat, desto weniger wird er sich von den Bedürfnissen des Einzelnen leiten lassen, sondern bestenfalls vom sogenannten Allgemeinwohl; was aber oft dazu führt, dass kein einziger zufrieden ist und/oder man die unpersönlichen Entscheidungen des Führers für "abgehoben" hält. Schlimmstenfalls richtet sich der Führer jedoch nur nach seinen eigenen Bedürfnissen oder denen weniger Einflussreicher, was aber bei der großen unübersichtlichen Gruppe weniger auffällt.
Je kleiner die Gruppe ist, desto eher wird sich auch das Individuum für den anderen einsetzen und für das Gesamtwohl der Gruppe Verantwortung übernehmen. Ich finde das ein durchaus betrachtenswertes Argument in Zeiten der Steuerflucht, Minilöhne und ähnlich egoistischer Handlungsweisen.
Wenn ich mir allerdings die heutige Politik betrachte, die versucht möglichst global zu agieren, und dabei außer Lippenbekenntnissen und Krokodilstränen nichts zustande bringt, frage ich mich: Ist eine globale Riesengesellschaft wirklich so viel besser als die kleine, heimelige Horde?

Wir sehnen uns nach der Natur, aber mit fast allem, was wir tun, zerstören wir etwas von ihr. Wir halten Parks, Gärten, Rasenflächen, Felder und Forste für "Natur". Die echte Wildnis macht uns Angst. Viele Tiere machen uns Angst.
Menschen hatten schon immer Angst vor der Wildnis. Insbesondere der Wald war in Mitteleuropa immer ein Gegner. Lange Zeit galt es, besonders viel Fläche unter Kultur zu nehmen und die wilden Tiere auszurotten, was ja auch geklappt hat. Wölfe, Bären und Luchse galten hier lange Zeit als ausgerottet. Sämtliche Ortsnamen, die auf-rad(e)-, -raht, -rath; -raut(er); -ray; -greith, -rheid; -reut(h) enden, verraten was dort das vorrangige Ziel war: Rodung des Waldes, das Trotzen der unwirtlichen Wildnis.
Stimmt allerdings...wie fast jedes Säugetier reagiert auch der Mensch oft aggressiv, wenn er Angst hat. (Oder aber mit Religion...^^) Führt dieses "Trotzen" gegen die Natur aber nicht in eine biologische Sackgasse, die langfristig letztlich mit dem Aussterben des Menschen enden könnte?