Witze über die sexuellen Präferenzen anderer Menschen sind normativ [...]
- Ungeachtet Deiner späteren Rettungsversuche kann ich mir den Hinweis, dass der Satz, so wie er da steht, kompletter Mumpitz ist, beim besten Willen nicht verkneifen; guckst Du hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/NormativUnd nun verhöhnt mich als Klugscheißer, ich kann damit leben!

Womit ich beim Thema wäre: Humor ist wohl DAS anarchische Element schlechthin im menschlichen Wesen - und das ist auch gut so. Insofern finde ich den krampfhaften Versuch, selbst das, worüber gelacht wird, den zweifelhaften Regularien einer schmalbrüstigen political correctness zu unterwerfen, ebenso bezeichnend wie bestürzend. Ein guter Witz ist selten "korrekt", wenigstens, sobald er einen Menschen oder eine Menschengruppe zum Gegenstand hat. Nun kann man diese Witzkategorie natürlich ganz grundsätzlich "schwul" - sorry, den
musste ich jetzt 'raushauen!

*hrhrhr* - finden, das allerdings erschiene mir bei einem fröhlichen Spötter wie Dir, mein lieber colourize (vorausgesetzt freilich, Du hast in letzten Jahren nicht eine komplette Kehrtwendung vollzogen), einigermaßen inkonsequent. Denn man bedenke: Was macht Satire, was macht Kabarett denn anderes als das: sich über Menschen - mit Vorliebe Politiker - lustig machen, und zwar über deren Eigenheiten, Ansichten und - eben: Präferenzen. Dass da auch mal sexuelle Vorlieben thematisiert werden, liegt doch nur allzu nahe und ich sehe beim besten Willen nichts Verwerfliches daran.
Was haben wir z.B. gegackert, als der unsägliche Obermoralapostel vom Dienst, Michel Friedmann, in Gestalt seines alter ego "Paolo Pinkel" über seine Präferenzen für Koks und "naturgeile Ukrainerinnen" stolperte. Oder man erinnere sich an die Springflut von Witzigkeit anlässlich Bill Clintons Praktikantinnenoralverkehrs mit der pummeligen Lewinsky. Bitt'schön, kein Mensch hatte da ein schlechtes Gewissen, warum auch? Der springende Punkt ist allerdings, dass es hier jemanden getroffen hat, der selber die Macht hat, auszuteilen bzw. das auch gerne tat - was auf Personen aus Wirtschaft, Politik, Medien & angrenzenden Bereichen ohnehin fast immer zutrifft, woraus die Satire eben ihre Legitimation zieht: Es trifft den
Starken, von dem man mit gutem Grund erwarten darf, dass er es abkann. Und was für Friedmann und Clinton gilt, gilt für unseren Außenguido ja wohl allemal.
Auf einem ganz anderen Blatt steht freilich geschrieben, dass Witze, die auf die sexuellen Präferenzen anderer Menschen abheben, selten sonderlich gut sind (wenn man sich geistig nicht ohnehin schon in engem Bodenkontakt befindet), vielfach stellt diese Präferenz nämlich insofern eine "Schwäche" dar, als sie gesellschaftlich
nicht sanktionierte Praktiken umfasst. Und insofern der Witz genau in diesem sensiblen Bereich mit seinen vorlauten Griffeln herumpatscht, ist die Grenze zum Minderheiten-Bashing fließend und ihre Umschiffung eine Frage der Sensibilität, zweifelsohne. Das allerdings kann nur ein Argument gegen menschliche Schwäche & Fehlbarkeit sein, keinesfalls aber gegen den kontroversen Witz an sich.
Guter Humor ist immer böse, denn ihm ist nichts heilig. Aber er tritt nicht zu, wenn der andere am Boden liegt. Und insbesondere tritt er - wenn er
gut ist (und hier geht's mir um Kategorien der Witzigkeit - ha-ha-ha - und
nicht der Moral - brummelbrummelbrummel ...

) nichts und niemanden, der/das sich ohnehin bereits auf die eine oder andere Weise am Boden befindet. Damit scheint es mir übrigens auch zusammenzuhängen, wenn die gesellschaftliche Ächtung von Schwulenwitzen in den letzten Jahren etwas brüchig geworden ist: Homosexualität ist mittlerweile so weit zur Normalität geworden, dass sie für den Humor wieder zielscheibentauglich wird. Spricht meiner Ansicht nach übrigens eher für ein gesundes, weil unverkrampftes Verhältnis dazu.
Und noch eins möchte ich zu bedenken geben: Man meditiere doch bitte mal drei, vier Minuten über die Frage, was eigentlich vom zeitgenössischen Humorschaffen noch übrig bliebe, wenn in Zukunft tatsächlich peinlich genau darauf geachtet würde, doch bitte bloß niemandem auf die Füße zu treten, der sich eventuell wegen seiner sexuellen, religiösen, politischen oder sonstwelcher Präferenzen diskriminiert fühlen könnte. ... ... ... - Eben: Da bleibt kaum was übrig. Mir fällt eigentlich nur Loriot ein. Ansonsten: Flaute. Nix mehr mit Monty Python's, kein Stromberg, kein Borat, kein Gerhard Polt, Zeitschriften wie die "Titanic" könnten auch dichtmachen. Von South Park - meiner Ansicht nach übrigens
die Gralshüter absolut reiner, vollkommen autonomer Witzigkeit schlechthin - mal ganz zu schweigen. - Will ich so leben? - Nein. Niemals!
Langer Rede kurzer Sinn: Ich trete hiermit ausdrücklich
für Witze ein, die die Präferenzen anderer Menschen zum Gegenstand haben, seien sie sexueller, religiöser, politischer oder sonstiger Natur. Wurscht! Wer heute dem Lachen eine Zwangsjacke verpassen will, baut morgen Gulags.
Wehret den Anfängen!
