Hinzu kommt, dass Persönlichkeitsstörungen sich nicht leicht von ausgefallenen persönlichen Stilen abgrenzen lassen. Die Diagnose von Achse-2 Störungen unterliegt daher auch stärker einem möglichen kulturellen Bias, als Achse-1 Störungen.
Na das ist doch ein Post, auf den ich in dieser Konkretheit schon länger gewartet habe.

Und das ist ja auch, worauf Kallisti in dem Therapierungswahn-Thread u.a. abzielt, dass ausgefallene Verhaltensweisen nicht gleich Störungen sind. Man muss sich aber einfach darauf
einlassen, dass es standardisierte und theoretische Verfahren
gibt, die oft ins Schwarze treffen und sich damit auch Persönlichkeitsstörungen von ausgefallenen Verhaltensweisen unterscheiden lassen. Diese sind nicht perfekt, aber vielfach erprobt und solide.
Klar will ich mich auch nicht in meiner Individualität beschneiden lassen, und sei es auch nur theoretisch. Aber man sollte realistisch genug sein, zu sehen, dass es gemeinsame Nenner gibt und sich damit arbeiten lässt. Wir sind eben nicht zu 100% "original". Zumal auch gerade die "Dämonen", die Mensch mit sich herumträgt, oft diejenigen sind, die in solchen Fällen besonders laut und kompromisslos nach Freiheit und Individualität schreien, um in Ruhe ihr Werk tun zu können und nicht man selber (der möglicherweise für Anregungen/Impulse von außen zugänglicher wäre). Hab ich ja so ähnlich auch schon geschrieben (Selbstbeschiss etc.). Selbstreflexion kann hinhauen, kann aber auch furchtbar in die Grütze gehen, weil man es eben selber ist, weil man drinsteckt und "unterbewusst" um sämtliche Problemzonen herumlaviert (auf die einen ein Therapeut bzw. stoßen könnte). Und zu versuchen, da alleine rauszukommen, käme vielfach Münchhausen gleich, der sich selber am Zopf aus dem Sumpf zog.
Da braucht es auch nicht unbedingt besagten Leidensdruck, auch wenn der natürlich das beste Instrument bzw. Zugang ist, das ein "Gestörter" schon mitbringen kann. Nur weil man sich an Phänomene bzw. das Elend gewöhnt hat, sind sie noch lange nicht integraler Bestandteil.
Manche Dämonen haben ja auch - wenn auch zeitweise - ihren Sinn und Zweck bzw. Nutzen, zumal wir nie komplett mit uns im Reinen sein werden und es ja auch nicht das Ziel ist, dass wir alle wie die Krishna-Jünger nach Räucherstäbchen stinkend durch die Wicken tanzen.
Aber es sollte Ziel sein, im Leben klarzukommen, in der gesamten Tragweite. Damit man überhaupt
beurteilen kann, wie der Hase läuft und nicht nur Sprachrohr seiner "Dämonen" ist (mir ist gerade ein wenig metaphorisch zumute). Und wenn man zulässt, dass jemand anderes den Deckel hebt, in dem man in der eigenen Suppe kocht (ohne Angst zu haben, dass er einen gleich völlig aus der Suppe rausziehen und auf seinen eigenen Teller drapieren will, um die Messer zu wetzen und einen im wahrsten Sinne des Wortes zu beschneiden), und sich auch traut, den Rand des Topfes zu erklimmen und drüberzuschauen, dann wird das in den meisten Fällen helfen. Zumal Änderungen wirklich nur nachhaltig greifen, denke ich, wenn man selber erkennt, dass man gar nicht unbedingt in der Suppe kochen will bzw. herausfindet, wie man wenigstens die Flamme kleiner drehen kann.
Das könnte jetzt implizieren, dass noch weit mehr Menschen eine Therapie benötigen. Das wäre etwas übertrieben, der eine hat eine größere Indikation als der andere. Aber insgesamt: Warum nicht? Ich bin dagegen, Therapien zu pathologisieren.

OK, eigentlich gehört das in den anderen Thread. Da dann zu gegebener Zeit mehr.