Also, wenn man die üblichen Postings à la: "Die anderen waren auch böse und haben auch böse Dinge getan" beiseiteläßt, kann ich folgendes beisteuern:
- es gibt hier eine aktive Vergangenheitsbewältigung, die - wenn nicht privat - so doch in der Schule beginnt. Bedauerlicherweise ist diese teilweise kontraproduktiv, da selbst aufgeschlossene und am Thema interessierte Geister durch ewige Wiederholung oberflächlicher Inhalte abstumpfen.
Die Aufarbeitung der Vergangenheit wurde unmittelbar nach der Kapitulation 1945 durch die Alliierten eingeleitet, z.B. durch Entnazifizierungsverfahren. Dies sollte gewährleisten, dass die neu zu errichteten Strukturen schon wieder mit überzeugten Nationalsozialisten und/oder Kriegsverbrechern durchsetzt werden. Es liegt auf der Hand, dass dies nur teilweise geschah, da man nicht ein ganzes Volk austauschen konnte und überzeugte Antifaschisten nur begrenzt zur Verfügung standen. Dass dieses Verfahren in dieser Konsequenz durchgeführt werden konnte, liegt sicherlich daran, dass Deutschland als unterlegene Kriegspartei besetzt wurde und die Regierungsgewalt in den Händen der Alliierten lag.
Die Bereitschaft der älteren Generation, die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 aufzuarbeiten, war gering, da die Leute aktiv beteiligt waren und sich permanenten Vorwürfen ausgesetzt sahen, weniger durch Alliierte, Regierung, Politik etc., als vielmehr durch die eigenen Kinder, die den Ereignissen verständnislos gegenüberstanden. Vorwürfe durch unmittelbar Betroffene wurden meist nicht mal ausgesprochen, da die wenigen Rückkehrer aus der nationalsozialistischen Haft dazu tendiereten, eher in Ruhe leben zu wollen; man kann sagen, dass ihre Anwesenheit als stummer Vorwurf gewertet wurde.
In diesem Zusammenhang ist auch der bis heute andauernde, peinliche Rechtfertigungsdrang zu sehen, der auf Teile der jüngeren Generation überging (wir selbst haben nix gemacht, andere waren auch schlimm, die Alliierten und Israel drücken uns eine ewige SChuld auf). Der letzte Punkt ist besonders lächerlich, da er Verantwortung für das eigene Handeln jüngerer Generationen mit der Schuldfrage der involvierten Generation auf unangemessene Weise vermischt (ein Tipp für die Anhänger der ewigen Beschuldigungsidee: wendet Euch an Angehörige der jüdischen Religion, DIE können nämlich wirklich was von Beschuldigungen erzählen, denn der Vorwurf des Christusmordes hängt ihnen idiotischerweise bis heute an. Das heißt wir hätten noch ca. 1940 Jahre vor uns.. *g*). Negiert wird, dass dieser generationsübergreifende SChuldvorwurf von seriöser Seite nicht existiert, obwohl er fleißig beschworen wird.
Vergangenheitsbewältigung wird heute vom Staat selbst, von verschiedenen Institutionen, aber auch privat betrieben, da die Notwendigkeit erkannt wurde, ein Bewußtsein für das begangene Unrecht zu wecken. Es ist ein PRozeß, der sich verselbständigt hat und auf unterschiedliche Weise stattfindet, formell wie informell.
An eine Kollektivschuld glaube ich persönlich nicht, mir ist interessanterweise nicht mal in Israel jemand begegnet, der solches tut (nicht mal mein Vater, der als Soldat Kriegsgefangener in Mauthausen war, wurde von ehemaligen Insassen des Konzentrationslagers mit derartigen Vorwürfen konfrontiert, da diese zwischen einem 23-jährigen zwangsrekrutierten Soldaten und einem SS-Mann sehr wohl zu unterscheiden wußten). Ich glaube allerdings an eine kollektive Verantwortung, die ich gerne wahrnehme, da ich es vorziehe, an einem zivilisierten Leben unter zivilisierten Menschen in einer zivilisierten Umgebung teilzunehmen.
Persönliches: ich bin 38, aber so richtig typisch deutsch bin ich wegen meiner multikulturellen Familie (mütterlicherseits) und meines Studiums (Judaistik) vielleicht nicht.
Ich denke schon, dass es eine Vergangenheitsbewältigung in anderen Ländern gibt. So gibt es in der Türkei Menschen, die den Völkermord an den Armeniern als solchen ansehen, ebenso wie es in den USA eine Friedensbewegung gibt, die aus der Anti-Vietnam-Bewegung hervorging. Auch in Israel gibt es shalom achschaav (übers.: Frieden jetzt), eine Organisation, die sich für eine friedliche, konstruktive Lösung des Palästinenserkonflikts einsetzt. Vergangenheitsbewältigung ist dort jedoch eher eine informelle, individuelle Angelegenheit, die nicht immer die offizielle Zustimmung erhält.