@ sYntiq
Lieber sYntiq, nur um hier mal ganz explizit etwas klarzustellen: Ich verspotte, verachte oder belächele keinen Menschen, bloß weil er, wie Du das so schön auszudrücken beliebst, "sprachlich zum "einfachen Volk" gehör[t]". - Nicht jeder kann Philosphieprofessor, Literaturwissenschaftler, Linguist oder Romancier sein, das ist keine Frage und da gibt es nichts zu entschuldigen. Genausowenig kann jeder Informatikprofessor, Programmierer oder IT-Experte sein; das ist auch alles in schönster Ordnung so und da gibt es auch gar nichts zu entschuldigen. - Vielfalt rockt!
Mir für meinen Teil ist es jedenfalls nicht die Bohne peinlich, daß ich von Computern und diesem ganzen IT-Kram, den bspw. Du professionell betreibst, nicht die blasseste Ahnung habe. Ganz im Gegenthum finde ich es sehr schön, daß es Menschen gibt, die sich dafür interessieren und die ich in meiner Not um Rat und Tat bitten kann, wenn meine Kiste spinnt. Ich verlange von solchen Menschen nicht, daß sie in mir verständlichen Worten erklären können, was es mit der Spinnerei meiner Kiste genau auf sich hat und ich verachte sie nicht für ihr Fachchinesisch: Jede Profession befleißigt sich eben des ihr gemäßen Idioms.
Was mir allerdings tatsächlich auf den Wecker geht, das ist das Ansinnen, das gerne von Menschen, die in geisteswissenschaftlicher Hinsicht offenkundiger und - wie gesagt - keineswegs tadelnswerterweise nicht allzu bewandert sind, an solche herangetragen wird, die in dieser Hinsicht ebenso offenkundig etwas reicher ausgestattet sind: "Drück' Dich mal verständlich aus!", "Das kann man doch auch allgemeinverständlich sagen!", "Da will sich wohl einer mit pseudo-intellektuellem Gerede wichtig machen!" usw. usf. - Witzigerweise ist das dann oftmals genau dieselbe Fraktion, die den Geisteswissenschaften ohnehin am liebsten in Bausch und Bogen die Existenzberechtigung absprechen würde. Wie gesagt: Ich spreche dem Informatiker auch nicht die Existenzberechtigung ab, nur weil ich nicht verstehe, was er treibt. (Daß die IT-Branche mittlerweile in jeder Hinsicht durchschlagende Effekte bzw. Erfolge zu verbuchen hat, reicht als Beweis für eine vorgeblich höhere Wertigkeit übrigens kein bißchen hin - es gab Zeiten, in denen man ganz prima ohne Computer ausgekommen ist und es ist wohl einigermaßen vermessen anzunehmen, es sei den Menschen damals signifikant schlechter gegangen als uns, die wir mit mit den Segnungen der Computertechnologie ausgestattet sind).
Der fragliche Text nun steht zwar im Internet und ist folglich für jedermann zugänglich (woraus man, wenn man wollte - und manche wollen das -, nun ableiten könnte, der Autor habe sich gefälligst so auszudrücken, daß ihn auch jeder Hans und Franz verstehen kann), daraus ist aber noch keinerlei zwingender Rückschluß auf die intendierte Leserschaft zu ziehen: Genauso kann sich ja jedermann in einem Buchladen die "Phänomenologie des Geistes" von Hegel anschaffen - doch ist es Hegel deshalb anzulasten, wenn ihn nur ein Bruchteil dieser potentiellen Leserschaft verstehen wird? - Wohl kaum.
Unser Autor hier wendet sich nun ganz offenkundig an ein Publikum, das entweder mit einer etwas fachspezifischeren Ausdrucksweise vertraut oder aber willens ist, sich die unklaren Begriffe qua Wörterbuch o. ä. zu erschließen. - Wenn Du dazu zu bequem bist und darob das Interesse verlierst, Dich mit dem Inhalt des Textes auseinanderzusetzen, dann ist das zuerst einmal Dein Problem, keineswegs aber das des Autors. Wenn das aber nun mal so ist, wenn Du also einfach keine Lust hast, Dich eingehender damit zu befassen, dann diskreditiert Dich das - wenigstens in meinen sanftmütigen Augen - kein noch so klitzekleines bißchen: man kann nicht alles wissen, genausowenig alles wissen wollen und das ist auch gut so. - Doch es tut in meinen Augen keineswegs not, den Autor eines solchen Textes dann gleich der "Pseudo-Intellektualität" und des sinnlosen Wortgeschwurbels zu bezichtigen.
Wenn Du nur Texte lesen willst, deren Inhalt anspruchsvoll, deren Verpackung jedoch einfach ist, so ist das Dein gutes Recht und kein bißchen verwerflich. Ich hingegen erfreue mich eben auch an einer anspruchsvollen Verpackung - immer vorausgesetzt freilich, der Inhalt hält, was diese Verpackung verspricht.
Last but not least: Der funktionale Zusammenhang zwischen "Form" und "Inhalt" ist bei Sprache um einiges verzwickter als der Zusammenhang zwischen "Verpackung" und "Inhalt" bei einem Paket. - Bedenke: Sprache ist immer schon Form, Bedeutung kann sich gar nicht anders konstituieren als durch Form, weshalb man diese beiden Pole keineswegs so einfach und zwanglos voneinander trennen kann, wie Du das hier nahelegst. Um's ganz simpel zu illustrieren: Mit den Worten "Gotische Kathedrale" und "Gebäude" kann ich mich auf ein und denselben Begriff bzw. Gegenstand beziehen, nichtsdestoweniger differiert der Bedeutungsgehalt in beiden Fällen beträchtlich; - im ersten Fall ist er um einiges differenzierter und reicher mit spezifischen Merkmalen ausgestattet als im zweiten. Nichtsdestoweniger sind beides "Formen", denen ein und derselbe "Inhalt" entspricht. (Anm.: Mir ist durchaus bewußt, daß dieses Beispiel ein wenig fragwürdig ist, ich wollte es jetzt aber gerade vermieden haben, mich in allzu verschwurbelter Fachterminologie zu ergehen. Ich hoffe, die Grundstruktur dessen, was ich damit zum Ausdruck bringen wollte, ist dennoch klargworden.)
Zu guter letzt: Eure Philosophie-Lehrkraft war offenkundig eine Pflaume. Bei mir hättest Du für so was bestenfalls einen Gnadenpunkt bekommen ... :wink: