Zum Topic: Man kann nicht darauf stehenbleiben, dass im Hintergrund neurobiologische Prozesse laufen. Der Mensch muss handeln, Entscheidungen treffen, egal was in Wirklichkeit dahinter steht. Man muss die Psyche als System wahrnehmen und nicht in ihren biochemischen Bestandteilen sehen. Therapien funktionieren ja auch auf die Weise, ansonsten gäbe es nur Medikamente.
nein, es geht nicht nur um biochemische bestandteile (neurotransmitter, hormone), sondern auch um feste verknüpfungen zwischen den neuronen im gehirn. einschneidende erlebnisse, traumata, krisensituationen bzw. die art des gehirns bzw. seines trägers damit umzugehen wird eingebrannt, als denkmuster gespeichert und bei seltenen oder häufigen gelegenheiten wiedervorgekamt - als leichte macke oder als krankhafte störung.
medikamente können solche traumata und deren folgen nicht lösen. medikamente machen sinn bei neurologischen erkrankungen, bei denen klar die rolle von neurotransmittern nachgewiesen ist, zb. wenn zuviel dopamin da ist (schizophränie) oder zuwenig (parkinson). bei fest eingebrannten denkmustern funktionieren medikamente nicht.
ansonsten werden medikamente gegeben, um jemanden erstmal "runterzuholen", um ihn wieder ein bischen sich als mensch fühlen zu lassen und dann eine psychotherapie machen zu können. und auch dort ist es so: über einen langen zeitraum hinweg wird eruiert, warum etwas wie ist, woher bestimmte verhaltensweisen kommen. so werden denkmuster zum einen bewußt gemacht und sind u.U. sogar änderbar, was aber langer zeit bedarf und eher ein unbewußter prozeß ist.
wenn es wirklich so wäre, daß wir einen komplett freien willen unabhängig von unserer gehirnstruktur haben, dann könnte jemand mit depressionen zum beispiel zu sich sagen: ich will dieses gefühl nicht. aber das geht scheinbar nicht. woher kommt das ? ist der wille zu schwach ? und weiterhin: wo sitzt denn der wille, wenn nicht im gehirn ? und wo sitzt die depression, die u.U. den optimismus/weltumarmen/lebensmutwillen "lähmt", wenn nicht im gehirn ?
wille bzw. freier wille ist demnach ein hypothetisches konstrukt, was uns das gehirn vorgaukelt. sicher kann man in mancher situation entscheiden, was man tut. aber man is doch ein sklave seiner reflexe bzw. eingebrannter handlungsabläufe, festgemauert im gehirn durch die kindheit, persönliche geschichte, erlebnisse, traumata.
die frage hängt eng mit der frage nach dem selbstbewußtsein (d.h. ichbewußtsein) zusammen. selbstbewußtsein scheint sich durch einen evolutiven selektionsvorteil im sozialen bzw. kooperativen bereich beim menschen entwickelt zu haben. ich denke, da wir ein selbstbewußtsein haben, gehen wir von einem freien willen aus, weil wir unsere entscheidungen bewußt durchdenken können. dieses denken tun wir aber nur in der obersten bewußtseinsebene, da liegt soviel unterbewußtes tief drunter, was diese steuert....
Die Frage nach dem freien Willen stellt sich in diesem Rahmen der m.o.w. "direkten" Beeinflussung: Ist es möglich, sich von den Prägungen der Gesellschaft und der elterlichen Erziehung in einem Maße freizumachen, dass man "zu sich selber findet", oder ist das unmittelbar miteinander verknüpft (wir also das unveränderbare Ergebnis der Prägung und Erziehung)?
nein, das hieße die meisten neurologischen verbindungen im großhirn, zwischenhirn und kleinhirn zu kappen. ich denke mal, dann funktionieren noch lebenserhaltende triebe/reflexe sowie atmung, herzschlag, wärmesensorik und dergleichen. mehr aber auch nicht.