Mein lieber Nachtmensch,
wie ich weiter oben schon habe durchscheinen lassen, ist mir das Verständnis, das hinter Deinem Staatsbegriff steht, durchaus ersichtlich, es hat in meinen Augen jedoch ein bis zwei kleine Haken: Auch ohne Politikwissenschaftler zu sein, so denke ich mich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, wenn ich behaupte, daß es schlichtweg Quatsch ist zu sagen "Der Staat, das sind wir". "Das Volk sind wir" - gut, aber der "Staat" sind "wir" deshalb noch lange nicht: der Begriff "Staat" bezieht sich auf eine politische Herrschaftsordnung, d. h. ein komplexes Gefüge der Über- und Unterordnung, das sich in der "Demokratie" wie in allen anderen Herrschaftsformen auch in der Gestalt von Hierarchien äußert; nur daß die im Falle der "Demokratie" eben durch "demokratische" Wahlen legitimiert sind. Faktisch sieht es allerdings so aus, daß diejenigen, die ihre Stimme für die fragliche Legitimation herzugeben angehalten sind, von Interessengruppen und Lobbyisten entweder dumm gehalten oder von vorne bis hinten manipuliert und gehirngewaschen werden, damit am End' auch das Richtige rauskommt.
Eine demokratische Wahl im eigentlichen Sinne des Wortes setzt zum einen eine umfassend aufgeklärte - eben in Kants Sinne der "selbstverschuldeten Unmündigkeit" entwachsene - Wählerschaft voraus, die sich im klaren darüber ist, WEM oder WAS sie da eigentlich ihre Stimme gibt; zum anderen setzt sie transparente Verhältnisse voraus, die die Optionen, die eigentlich zur Wahl stehen, klar und ohne Hintertürchen zu erkennen gibt. Nun mag man einwenden, daß in diesem unserem Lande jeder die Möglichkeit hat, sich die entsprechenden Informationen zu beschaffen, was bis zu einem gewissen Punkt ja sogar hinhauen mag. Der wunde Punkt ist allerdings der, daß die Bewußtseinsmanipulationsmaschinerie in unserer Gesellschaft in einem solchen Maße perfektioniert ist - Goebbels hätte seine helle Freude -, daß der normale Depp auf der Straße überhaupt nicht mehr auf die Idee kommt, sich über das seinem jeweiligen Realitätstunnel angepaßte Maß hinaus zu informieren bzw. seinen eigenen Grips zu gebrauchen, was zur Folge hat, daß er sich willig dorthin lenken läßt, wo die faktisch Mächtigen - d. h. die, die die Macht HABEN und nicht die, die sie repräsentieren - ihn gerne haben wollen. Was zur Folge hat, daß diejenigen, die die staatliche Macht repräsentieren, nicht durch ihre Wähler, das "souveräne Volk" (hahahaha!) sondern durch diejenigen, die über die Macht verfügen, das Bewußtsein der Massen zu manipulieren, "legitimiert" werden.
Man verstehe mich bitte nicht miß: Ich halte die Demokratie tatsächlich für das einzige politische Herrschaftskonstrukt, das man als denkender Mensch ernsthaft vertreten kann; ich denke aber auch, daß man sich als denkender Mensch der Tragik bewußt sein muß, daß die schöne Theorie in der Praxis an der unschönen Realität scheitern muß. - Woraus meiner bescheidenen Meinung nach folgt: "Wir" sind keineswegs der Staat; der Staat setzt sich aus den Repräsentanten der Macht und deren Institutionen zusammen - und die sind in der Theorie durch Volkes Wille, in der Praxis durch die Manipulation diese Willens seitens der Mächtigen "legitimiert".
So seh' ich das. Aber im Ernst: Ich lasse mich gerne eines besseren belehren!
Schönen Gruß aus der Bildzeitungsredaktion! :mrgreen:
K.