Zu der Geschichte mit den Eskimos, die messie hier bemüht, darf ich - auch und gerade im Zusammenhang mit der Saphir-Whorf-These - einen kurzen, sehr hübschen Auszug aus einem Buch zitieren, das ich vor kurzem zu lesen die Freude hatte:
Achtung, es geht los:
"Da wir gerade von anthropologischen Falschmeldungen reden, darf natürlich auch in dieser Diskussion zum Thema Sprache und Geist die Mär vom Eskimovokabular nicht fehlen. Entgegen einer weitverbreiteten Ansicht kennen die Eskimos nicht mehr Wörter für Schnee als Sprecher des Englischen oder Deutschen. Sie kennen weder vierhundert, wie schawrz auf weiß behauptet wird, noch zweihundert, noch hundert, noch achtundvierzig - ja nicht einmal neun Wörter für Schnee. In einem Wörterbuch ist von zwei Wörtern die Rede; zählt man großzügig, so finden Experten ungefähr ein Dutzend, aber nach diesem Maßstab wäre das Deutsche nicht weit im Hintertreffen - siehe Schnee, Reif, Hagel, Graupel, Schloße, Harsch, Eisregen, Blizzard, Lawine.
Woher kam der Mythos? Jedenfalls nicht von jemandem, der die von Sibirien bis Grönland verbreiteten polysynthetischen Sprachfamilien des Yupik und Inupik tatsächlich untersucht hat. Die Anthropologin Laura Martin hat belegt, wie die Legende nach Art einer Klatschgeschichte aufgebläht und mit jeder Wiederholung weiter übertrieben wurde. 1911 hatt Boas beiläufig erwähnt, daß Eskimos vier verschiedene Wörter für Schnee verwenden. Whorf erweiterte die Zahl auf sieben, und ließ anklingen, daß es noch mehr gab. Sein Artikel fand in mehreren Auflagen weite Verbreitung und wurde danach in Lehrbüchern und populärwissenschaftlichen Werken über Sprache zitiert, was immer höher gegriffene Schätzungen in anderen Lehrbüchern, Aufsätzen und Zeitungsartikeln zur Folge hatte.
Der Linguist Geoffrey Pullum, der Martins Artikel in seinem Essay "The Great Eskimo Vocabulary Hoax" zu Popularität verhalf, stellte Vermutungen darüber an, warum die Geschichte so außer Kontrolle geriet: "Die angebliche lexikalische Exzentrität der Eskimos paßt so gut zu den vielen anderen Facetten ihrer polysynthetischen Perversität - Nasen werden aneinandergerieben, Ehefrauen an Fremde ausgeliehen, roher Robbenspeck wird verzehrt und Großmutter den Eisbären zum Fraß vorgeworfen." Welch ironische Wendung! Der Gedanke der linguistischen Relativität wurde aus der Boas-Schule als Teil einer Kampagne geboren, die zeigen sollte, daß des Lebens und Schreibens unkundige Kulturen nicht weniger komplex und ausgefeilt waren als europäische. Doch die vermeintlich horizonterweiternden Anekdoten verdanken ihre Anziehungskraft der gönnerhaften Tendenz, die Denkweisen anderer Kulturen als wunderlich und exotisch zu betrachten. Pullum bemerkt:
"An dieser leichtfertigen Übertragung und Ausweitung einer falschen Behauptung ist unter anderem bedrückend, daß es objektiv gesehen völlig uninteressant wäre, selbst wenn in irgendeiner arktischen Sprache eine große Anzahl von Wortstämmen für verschiedene Arten von Schnee existieren würde. Diese Tatsache wäre höchst profan und nebensächlich. Pferdezüchter kennen verschiedene Bezeichnungen für Pferderassen, -größen und -alter, Botaniker unterscheiden zwischen verschiedenen Blattformen, Innenarchitekten zwischen verschiedenen malvenfarbigen Schattierungen und Drucker kennen zahlreiche Namen für verschiedene Schrifttypen (Carlson, Garamond, Helvetica, Times New Roman usw.) - wen wundert's? ... Käme irgend jemand auf die Idee, über Drucker denselben Unsinn zu verzapfen, den wir in schlechten sprachwissenschaftlichen Lehrbüchern über Eskimos verbreitet finden? Nehmen wir [das folgende] zufällig ausgewählte Lehrbuch ..., in dem allen Ernstes behauptet wird: 'Es ist ganz offensichtlich, daß in der Kultur der Eskimos ... der Schnee eine so große Bedeutung besitzt, daß der begriffliche Bereich, der sich im Englischen auf ein Wort und einen Gedanken bezieht, in mehrere voneinander getrennte Klassen aufgespalten wird ...' Nun stellen Sie sich vor, folgendes zu lesen: 'Es ist ganz offensichtlich, daß in der Kultur der Drucker ... die Schrifttypen eine so große Bedeutung besitzen, daß der begriffliche Bereich, der sich unter Nichtdruckern auf ein Wort und einen Gedanken bezieht, in mehrere voneinander getrennte Klassen aufgespalten wird ...' Zum Gähnen langweilig, selbst wenn es stimmt. Allein der Verbindung mit jenen sagenumwobenen, die Promiskuität pflegenden, Speck knabbernden Jägern des Packeises ist es zu verdanken, daß uns etwas derart Banales zum Nachdenken vorgelegt werden konnte."
[...]"
(Steven Pinker, "Der Sprachinstinkt", München 1996, S. 75ff.)