Objektivität ist nichts anderes als "verobjektivierte" Subjektivität - meinetwegen auch eine "simulierte Objektivität", um's mit phaylons Worten zu sagen. - Um von einer faktisch gegebenen Objektivität ausgehen zu können, müßtest Du hieb- und stichfest, zweifelsfrei und evident einen festen Punkt außerhalb Deiner selbst, außerhalb Deiner Wahrnehmung, nachweisen können und das kannst Du nicht. Mithin: Du müßtest die Existenz einer Welt ohne Dich beweisen können und das wird Dir nicht gelingen, da alle Informationen über die sog. objektive Welt immer in Deiner subjektiven Welt zu Dir dringen. Das Gegenargument "Aber vor mir hat's die Welt ja auch gegeben, da brauch' ich doch bloß meine Oma fragen oder in die Geschichtsbücher gucken", zieht schon deshalb nicht, weil Oma und Geschichtsbücher ihrerseits ebenfalls nur in Deiner subjektiven Welt existieren. Genauso wie der Stein, die Naturgesetze und der ganze verkackte Rest.
Im Grunde genommen ist das doch schon durch die grundstürzende Zweifelei von Descartes hinreichend deutlich gemacht worden, daß der Punkt der Gewißheit nicht existiert. Descartes hat die einzige Gewißheit, die ihm evident erschien, aus dem Umstand seines Zweifels und der Möglichkeit, angesichts eines möglicherweise betrügerischen Gottes, die Entscheidung über wahr oder falsch auszusetzen, gewonnen: sein Selbst - das zweifelnde Subjekt. Das zweifelnde Subjekt kann aber nicht von sich aus auf "die Welt" schließen, es bleibt allein und wird dadurch letztlich selbst zweifelhaft.
Und Nietzsche hat mit der "obejktiven" Wahrheit, ja: mit der Objektivität schlechthin, dann ohnehin kurzen Prozeß gemacht, man lese in diesem Kontext nur seine frühe Abhandlung "Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne" (SEHR zu empfehlen, kann man sich bei Gutenberg 'runterladen ...).
Der Wiener Kreis um Carnapp und später Wittgenstein hat's dann auch noch mal versucht, die "Wahrheit" im objektiven Sinne in Amt und Würden zurückzuhieven, ging ebenfalls inne Hose. Wenn man in diese grundlegenden Gefilde vorstößt, endet man zwangsläufig im Bereich metaphysischer Setzungen - und das ist einer vornehmlich naturwissenschaftlich geprägten Kultur wie der unseren selbstverständlich eher unangenehm, weshalb man die Frage heute aussetzt oder möglichst umschifft. - Carnapp wollte den Bereich des sinnvoll Sagbaren auf einen Bereich des Objektivierbaren wuchten, indem er das sog. "Empiristische Sinnkriterium" ersann, das kurz und bündig besagt, das sinnvollerweise nur das gesagt werden könne, was prinzipiell erfahrbar ist. – Was prinzipiell jenseits des Erfahrbaren liegt, kann, so Carnap, "weder gesagt, noch gedacht, noch gefragt werden". Das Problem ist nur, daß der Satz seinerseits ebenfalls nicht bewiesen werden kann, denn er sagt ja gerade etwas aus über Dinge, die prinzipiell jenseits des Erfahrbaren liegen. Und dasselbe gilt für seine Umkehrung: Auch die ist nicht beweisbar, da ihr der Rekurs auf etwas fehlt, das außerhalb des Bereiches liegt, über den sie etwas aussagt. Darüberhinaus: Was liegt überhaupt prinzipiell diesseits oder jenseits des Erfahrbaren? Der Satz vom Empiristischen Sinnkriterium ist ein Satz von eindeutig metaphysischem Charakter, müßte insofern also einen Sonderstatus beanspruchen, soll er als Sinnkriterium wirksam sein. Carnaps Satz vom Empiristischen Sinnkriterium ruht auf einem metaphysischen Fundament, das keine empirische Verifikation erfahren kann.
Und davon abgesehen: Weder in der Philosophie noch in den Bereichen der Naturwissenschaft, die sich heute mit den Grenzbereichen befassen, würde auch nur ein ernstzunehmender Kopf behaupten, es gäbe eine objektive Wahrheit; - da könnte dieser Kopf nämlich genausogut die objektive Existenz Gottes behaupten ...
Es gibt tatsächlich nur begrenzte Systeme, innerhalb derer "Wahrheit" einen relativen, bedingten Anspruch auf Gültigkeit beanspruchen kann; in diesem Sinne sind Wahrheit und Objektivität tatsächlich "nur" Konventionen ...
- Aber Obacht: Auch das sind wieder nur metaphysische Sätze, die empirisch nicht verifizierbar sind ... :wink: