Die Frage "Schicksal oder Zufall" ist ja - wie im bisher Gesagten bereits anklang - immer objektgebunden, d. h.: Schicksal oder Zufall
für wen/was? Aus diesem Umstand ergibt sich eine ähnliche Struktur wie die der - letztlich genauso fundamentalen - Frage nach dem Wesen der "Wahrheit", die hier unlängst diskutiert wurde: ebenso wie sich von "Wahrheit" immer nur im Hinblick auf ein größeres System - mithin immer nur relativ, aber nie absolut - sprechen läßt, das die Kriterien dieser "Wahrheit" bestimmt, so funktioniert auch die "Schicksal vs. Zufall"-Frage nur vor einer einbettenden Struktur.
M. a. W.: Wer nach Schicksal oder Zufall fragt, tut dies letztlich immer im Hinblick auf seine individuelle Existenz oder Teilbereiche derselben. Nehme ich nun die all Kausalverkettungen in Augenschein, mit denen diese Bereiche verknüpft und verwoben sind, so werde ich zwar feststellen, daß sie gleichermaßen lückenlos sind (- "natura non facit saltus", wie die antike Philosophie das so hübsch umschrieb ...) - ich aus dieser Perspektive also sagen kann: "es gibt
keinen Zufall, denn alles ist determiniert", was nichts anderes als totale Schicksalsbestimmung bedeutete -, jedoch im Kleinen wie im Großen unendlich fortschreitend, mithin der vollständigen Berechenbarkeit durch einen
endlichen Verstand wie den menschlichen prinzipiell entzogen sind. - Keine Frage: Die Kenntnis
aller Bedingungen eines Ereignisses bedeutete seine prinzipielle Berechenbarkeit; da die Bedingungen in räumlicher und zeitlicher Hinsicht jedoch unendlich sind, werden die Berechnungen nie an ein Ende gelangen, woraus wiederum seine prinzipielle Unberechenbarkeit folgert. Die Kenntnis
aller Bedingungen kommt nur einem
unendlichen Verstand zu, einem solchen, der seine eigene Bedingung ist, und nicht - wie der menschliche - selbst durch anderes bedingt ist, m. a. W.: einem "göttlichen". Der Mensch, insofern er bedingt ist, ist immer Teil größerer Systeme, die ihn determinieren; er kann Kausalverkettungen immer nur im Hinblick auf diese Systeme bestimmen; da er seine Bedingungen aber nicht in sich selber trägt und auf elementarster Ebene immer den Bedingungen von Raum und Zeit unterliegt,
kann diese Bestimmung nie an ein Ende gelangen.
Sehr schön deutlich wird das, wenn der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart bspw. sagt:
"Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes wie Zeit und Raum. Zeit und Raum sind Stücke, Gott aber ist Eines. Soll daher die Seele Gott erkennen, so muß sie ihn erkennen oberhalb von Zeit und Raum; denn Gott ist weder dies noch das, wie diese irdischen mannigfaltigen Dinge es sind; denn Gott ist EINES. [...] Soll die Seele Gott erkennen, so muß sie sich selbst vergessen und muß sich selbst verlieren; denn, erkennte sie sich selbst, so erkennte sie Gott nicht; in Gott aber findet sie sich wieder. Indem sie Gott erkennt, erkennt sie sich selber und alle Dinge, von denen sie sich geschieden hat in ihm. In dem Maße, in dem sie sich davon geschieden hat, erkennt sie sich selbst völlig."Kant bestimmte diese Frage als eine von vier "Antinomien der reinen Vernunft", d. h. vier Widersprüchen, die der menschliche Intellekt per definitionem nicht befriedigend auflösen kann: es lassen sich
beide Fälle, sowohl die Annahme totalen Zufalls bzw. totaler Freiheit, als auch die totaler Determination bzw. Schicksalsbestimmung - obgleich sie sich auszuschließen scheinen - hinreichend beweisen, weshalb dem Menschen keine endgültige Aussage darüber möglich ist - ebenso verhält es sich konsequenter- wie interessanterweise nach Kant übrigens in der Frage nach der Existenz Gottes ...
Fazit: Als endliches
Naturwesen, das ich als Mensch bin, unterliege ich einer Kausalverkettung, die die gesamte Natur durchzieht; insofern gibt es
weder Zufall - im Sinne eines Ereignisses, das spontan, d. h. außerhalb dieser Kausalverkettung, auftritt -
noch Freiheit - im Sinne der Möglichkeit, solche Ereignisse spontan hervorzubringen.
Da ich laut Kant aber niemals nur reines Natur- sondern immer auch
Vernunftwesen bin, mich diese Vernunft aber gerade von der Natur abhebt, bin ich prinzipiell in der Lage, diese Determination zu durchbrechen und zwar durch eine Handlung aus
reiner Vernunft, d. h. einer solchen, die nicht durch externe Bedingungen bestimmt ist; eine solche Handlung ist nach Kant die, die dem "Sittengesetz" - Kategorischer Imperativ - unterliegt: sie geschieht aus unmittelbarer Einsicht in ihre
unbedingte Gebotenheit, ist also nicht durch Zweck-Mittel-Relationen bestimmt, sondern geschieht allein um ihrer selbst willen.
Bei Nietzsche finden sich im Rahmen seiner Differenzierung von Herren- und Sklavenmoral bemerkenswerterweise ganz ähnliche Ansätze: Die "Sklavenmoral" ist insofern eine gebundene, determinierte, als sie sich durch externe Bedingungen bestimmen läßt, d. h. niemals das Stadium der Fremdbestimmung transzendiert: alle Handlungen, die durch sie motiviert sind, können immer als Mittel zu externen Zwecken beschrieben werden, sie werden also nicht um ihrer selbst willen ausgeführt: es sind "um-zu"-Handlungen (und unterliegen insofern dem Prinzip der Schicksalsdetermination). - Die "Herrenmoral" hingegen ist insofern eine "freie" Moral, als sie das handelnde Individuum als
unbedingt und damit werte
setzend begreift und nur diejenige Handlung als "gut" bewertet, die
um ihrer selbst willen vollzogen wird (und insofern unterliegt ihr das Prinzip der Freiheit / des Zufalls). - Was Nietzsches diesbezügliche Überlegungen freilich so brisant macht, ist der Umstand, daß die Bedingungen, an die diese Fähigkeit geknüpft ist, gerne übersehen werden, so daß sich diverse Wirrköpfe berufen fühlen, ihr ganz privates Übermenschensüppchen darauf zu kochen. - Auch Nietzsche macht klar, daß die Fähigkeit, sich selbst sein eigenes Gesetz zu geben und zu sein, eine im buchstäblichen Sinne des Wortes
übermenschliche ist; nicht umsonst hat er sein Ideal des "freien Geistes" als ein bisher unerreichtes gekennzeichnet und seinen "Zarathustra" mit dem Hinweis untertitelt: "Ein Buch für alle und keinen" ...
Um hier nicht noch ausschweifender zu werden, schenke ich es mir jetzt, ähnliche Bezüge in diversen religiösen und okkulten Strömungen (z. B. das "Thelema"-Konzept bei Crowley) auszuführen. Nichtsdestotrotz: Sie finden sich überall.
Summa summarum: Die Frage nach Schicksal oder Zufall ist nur auf Basis metaphysischer Setzungen zu beantworten, mithin keine Frage der Faktizität, sondern der Entscheidung, oder, um es existenzialistisch zu formulieren: der
Wahl. Auf empirischer Ebene läßt sich weder das eine noch das andere beweisen (bzw. - siehe Kant - beides, was auf's selbe hinausläuft ...). - Salopp gesprochen: Hier wie überall gilt: Alles Geschmackssache ... :mrgreen:
- ... Und vor diesem Hintergrund macht auch Anys unprätentiöse Antwort -
der teppich wird gewebt. ganz egal welcher ansicht man jetzt ist
- durchaus Sinn.